Wenn einer eine Reise tut...

... dann kann er was erzählen, vor allem wenn ihn diese Reise in die USA führt. Die Verler Delegation gewann auf ihrer Fahrt in die Vereinigten Staaten völlig gegensätzliche Eindrücke vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, denn sie bereiste nicht nur Ohio, sondern stattete zuvor der amerikanischen Hauptstadt Washington einen Besuch ab. Hier eine Nachlese der USA-Reise der Verler Delegation:

In Washington in einen Hotel in der Nähe des Regierungsviertels untergebracht, sahen die Verler, auch aufgrund der Kürze des Besuchs, nichts von den Außenbezirken der Stadt, die eine mit der höchsten Kriminalitätsraten der USA aufzuweisen hat. In der Innenstadt bot sich den Besuchern ein Abbild der Pracht und Größe des Landes mit einer Vielzahl an klassizistischen Bauten von überwältigender Größe. Die Verler waren von der Sauberkeit auf den Straßen positiv überrascht: Es lag einfach nichts herum, noch nicht einmal Zigarettenstummel.

Die Einstellung der Amerikaner zum Rauchen erstaunte diejenigen Mitglieder der Reisegruppe, die diesem Laster frönen, sehr, denn in allen öffentlichen Gebäuden einschließlich der meisten Restaurants, der Einkaufspassagen und einiger Bereiche sogar unter freiem Himmel ist das Rauchen verboten, an allen anderen Orten ist es auf jeden Fall verpönt.

In Washington kommt man um die Präsidenten nicht herum, und so besuchte auch die Verler Delegation die Denkmäler verschiedener US-Präsidenten, wobei alle besonders vom Lincoln Memorial beeindruckt waren, nicht zuletzt vielleicht auch aufgrund der Persönlichkeit dieses großen Mannes, der das Land in der schlimmen Zeit des Bruderkrieges (1860 – 1865) führte, was er schließlich mit dem Leben bezahlte, denn er wurde im Ford’s Theatre erschossen.

In eben diesem Theater, in dem die Loge, wo der Attentäter die tödlichen Schüsse auf den Präsidenten abgab, noch heute unverändert erhalten ist, erlebte ein Teil der Verler Delegation eine Aufführung des Musicals „Eleonore“, das die Lebensgeschichte der Präsidentengattin Eleonore Roosevelt zum Thema hatte. Die Verler zeigten sich nicht nur von der künstlerischen Perfektion der Aufführung, sondern auch von der historisch genauen Handlung sehr beeindruckt.

Die Kriegsdenkmäler sprachen eine deutliche Sprache von der Überzeugung der Amerikaner, auch für die Freiheit anderer Nationen einzutreten, was mittlerweile auch für die Ehrung der Vietnamveteranen gilt. Besonders ergriffen jedoch war die Reisegruppe, als sie vor John F. Kennedys Grab auf dem Arlington Friedhof stand.

Doch es gab nicht nur Positives: Die Washingtoner waren nicht immer freundlich, versuchten in einigen Restaurants ihren Vorteil daraus zu ziehen, dass sie Fremde vor sich hatten. Den Gipfel hauptstädtischer Arroganz jedoch erlebten die Verler am Washington Monument, einem über 100 Meter hohen Obelisk mitten in Washington, von dem man einen wunderbaren Überblick über die amerikanische Hauptstadt hat. Nachdem einer der Aufsichtsbeamten die Reisegruppe angewiesen hatte, an einem genau bezeichneten Platz auf ihn zu warten, verschwand er und wart nicht mehr gesehen. Daraufhin mussten sich alle in der Reihe  hinter fast 100 anderen Menschen anstellen, die zu Beginn des Wartens noch nicht da gewesen waren.

In Delphos bot sich den Verlern ein Kontrastprogramm: Es gab dort zwar kein Capitol und keinen Reflection Pool, doch die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen war den Mitgliedern der Verler Delegation viel wichtiger. Vom ersten Moment an fühlten sich alle so gut aufgenommen, als seien sie schon seit Wochen mit ihren Gastgeberfamilien bekannt. Überhaupt war es einhellige Meinung aller Reiseteilnehmer, dass erst die Unterbringung in Gastfamilien einen wirklichen Eindruck von einem Land vermittelt.

Es ist tatsächlich so: die Autos sind Straßenkreuzer oder Pickups mit riesigen Achtzylindermotoren, der Zeitungsjunge radelt auf dem Gehweg entlang und schleudert die Morgenzeitung mit mehr oder weniger großer Trefferquote auf die Veranda vor den Häusern, die fast alle aus Holz gebaut sind und die Kulisse zu jeder amerikanischen Fernsehserie bilden könnten. Die Kühlschränke sind riesig und meistens mit Magnethaltern und den entsprechenden Merkzetteln übersät. Die Männer tragen wirklich Baseballmützen, und die Lkws sehen tatsächlich so aus wie in den Truckerfilmen.

Schon beim Eintreffen auf dem Flugplatz von Fort Wayne wurden alle herzlich empfangen; sogar der Bürgermeister von Delphos, John E. Sheeter, ließ es sich nicht nehmen, seine Gäste persönlich auf dem Flughafen zu begrüßen. Für die Fahrt nach Delphos standen zwei Minibusse des örtlichen Heimatvereins, der Canal Commission, bereit, die die Mitglieder der Reisegruppe auch an den folgenden Tagen – immer begleitet von einigen der Gastgeber – überallhin brachten.

Das Mittagessen am Ankunftstag im „Topp Chalet“ sowie an allen weiteren Besichtigungstagen wurde von der Stadt Delphos und von örtlichen Sponsoren, z.B. der Delphos City Bank, übernommen. Portemonnaies und Kreditkarten verließen höchstens noch beim Einkaufsbummel die Tasche. Immer und überall wurden die deutschen Gäste mit Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und jeder Menge Werbegeschenken bedacht. „Man spürt hier förmlich, dass man willkommen ist,“ äußerte sich einer der Fahrtteilnehmer.

Jeden Tag stand ein umfangreiches  Besichtigungsprogramm auf dem Stundenplan. Die Besucher bewunderten die von Januar bis Oktober letzten Jahres vollständig renovierte St. Johannes Kirche. Frau Margaret Fischer, Mitglied des Pfarrgemeinderates und des Renovierungskomitees, führte die Gruppe und erklärte den Besuchern alles ganz genau. Alle Kunstgegenstände waren einer Auffrischung unterzogen worden, und die Kommunionbank mit deutschen Inschriften, die einigen Fahrtteilnehmern noch von ihrem Aufenthalt in Delphos im Jahre 1995 her bekannt war, bildete nun die achteckige Umrahmung des Tabernakels im Chorbereich. „Wie gut, dass dieser Schatz deutscher Tradition in Ohio erhalten wurde,“ sagte Christine Meißner. Ebenso begeistert zeigte sie sich von einer Neuerung, die der jetzige Pfarrer, Father Thomas Gorman, eingeführt hat: Hinter der letzten Kirchenbankreihe stehen einige solide Schaukelstühle, in denen Mütter und Großmütter mit Kleinkindern Platz nehmen können, um sie während der Messe zu wiegen.

Nach der Kirchenbesichtigung begaben sich die Verler in das örtliche Heimatmuseum, in dem allerlei Gebrauchsgegenstände, Werkzeuge und Dokumente der letzten 150 Jahre ausgestellt sind. Balduin Hollenhorst, einer der Verler Fahrtteilnehmer, zeigte sich regelrecht begeistert von einem Sears Motorwagen aus dem Jahre 1906, einem der Prunkstücke der Sammlung, der noch bis vor wenigen Jahren in der alljährlichen Parade zum 4. Juli mitgefahren ist.

Der Mittwochvormittag stand zunächst ganz im Zeichen der Bildung, denn es wurde die kirchliche St. John’s Schule besichtigt. Den Besuchern standen vom Kindergarten bis zu den Abiturjahrgängen alle Klassenzimmer offen. Bürgermeister Josef Lakämper, Gemeindedirektor Klaus Hörsting, Schulleiter Bernhard Klotz und Oberstudienrat Frithjof Meißner, der am seiner Schule u.a. auch für den Schüleraustausch zuständig ist, nutzten die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Dan Guernsey, dem Leiter der St. John’s Highschool, um mit ihm die Möglichkeit zu erörtern, an seiner Schule Deutschunterricht einzuführen. Guernsey sicherte der Delegation zu, eine Umfrage durchzuführen, um den Bedarf zu prüfen und dann eventuell notwendige Schritte zu unternehmen.

Danach fuhren die Busse der Canal Commission die Verler Gruppe nach Ottoville, wo Rita Turnwald ihnen die Kirche, die derjenigen in Delphos in nichts nachsteht, zeigte und fachkundig erklärte.

Das anschließende Mittagessen im „Dew Drop Inn“, bei dem die Bürgermeisterin von Ottoville, Judy Wannemacher, den Stadtschlüssel Bürgermeister Josef Lakämper überreichte, richtete die Stadt Ottoville aus. Der Nachmittag stand dann ganz im Zeichen des „Shoppings“ in der Lima Mall, einer Einkaufspassage in der nächstgrößeren Stadt Lima.

Am Donnerstag wurde die Farm der Familie Hempfling besichtigt, ein Programmpunkt, der vor allem die Landwirte unter den Fahrtteilnehmern begeisterte und zu einer ganzen Reihe von Fragen an das Farmerehepaar anregte.

Nach dem Mittagessen im „Chateau“ wurde die City Bank besichtigt. Weitere Programmpunkte waren das Postmuseum im Keller des örtlichen Postamtes, das einen guten Überblick über die Postzustellung im amerikanischen Mittelwesten bietet, und die Meyer Brauerei, in der die Besitzerin Joyce Meyer einen guten Einblick in die Produktionsweise dieser kleinen Privatbrauerei gab. Natürlich durfte das amerikanische Bier auch „verkostet“ werden. Einhellige Meinung der Bierkenner unter den Fahrtteilnehmern: Ein gutes Bier; das ließe sich in Deutschland auch vermarkten.

Am späten Nachmittag ging es dann zur Firma Killbrothers, die inzwischen zum Unferverth-Konzern gehört. Dort werden Erntewagen produziert. Der Vorstandsvorsitzende des Konzern war eigens aus Toledo angereist, um die Verler Delegation  zu begrüßen. Nach einer ausführlichen Firmenbesichtigung stand man noch im Gespräch zusammen und erörterte u.a. die Problematik, dass es in Delphos zu wenige Möglichkeiten gibt, die deutsche Sprache zu erlernen. Der Konzernchef sagte daraufhin spontan zu, eine Abendklasse für Erwachsene aus eigenen finanziellen Mitteln einzurichten.

Am Abend nahmen die meisten deutschen Gäste an der Messe zum „Holy Thursday“ teil, bei der die Gruppe zwei Strophen des Te Deum in der wunderbaren Akustik der St. John’s Church vortrug, worauf es sich die Amerikaner nicht nehmen ließen, ihrerseits ebenfalls zwei Strophen dieses universell bekannten Kirchenliedes zu singen. Die Sprache der Musik versteht eben jeder.

Der Freitag war dann auch schon der letzte Tag des Besuchs. Am Vormittag besuchten die Verler den Friedhof, um am Grabe des Pastors Bredeick zu beten. Die mitgereisten Mitglieder der Familie Meermeier-Bredeick legten an seinem Grab einen Kranz nieder.

Nach einem herzlichen Abschied am Rathaus verließ die Verler Delegation ihre neue Partnerstadt Delphos in Richtung Van Wert, um dort zu Mittag zu essen und - immer noch von etlichen Gastgebern begleitet - weiter nach Fort Wayne zum Flughafen zu fahren. Der Abschied dort schließlich fiel allen sehr schwer. Auf deutscher und amerikanischer Seite flossen Tränen, deren sich niemand schämte, denn es ist nun einmal nicht leicht, sich von guten Freunden zu verabschieden.


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