Am Anfang stand der Zufall...

...und ganz am Anfang ein weitsichtiger und mutiger Mann. Die Partnerschaft Verl–Delphos hat eine lange Geschichte, deren Beginn im letzten Jahrhundert liegt. In unseren Tagen war es ein einfaches Telefongespräch, das einen Stein ins Rollen brachte und letztendlich die Städtepartnerschaft einleitete. Wir wollen hier schildern, worauf sich die Partnerschaft Verl-Delphos eigentlich begründet.

Als sich im Jahre 1993 bei Hermann Wrasmann in Belm bei Osnabrück Besuch aus Amerika ankündigte, wollte er seinen Freunden aus Ohio eine besondere Freude machen und ihnen die Heimat des Gründers ihrer Stadt, des Pastors Johannes Otto Bredeick, zeigen. Er hatte bei einem Besuch in Delphos auf dem Grabstein des Städtegründers gelesen, daß dieser aus Verl in Westfalen stammte. Also rief er in Verl an und gelangte schließlich an Friedrich Adämmer vom Heimatverein, und siehe da, der Namen Bredeick sagte Adämmer als Autor etlicher Schriften über die Verler Höfe natürlich etwas. Es konnte sich eigentlich nur um ein Mitglied der Familie Meermeier, genannt Bredeick handeln, die an der Lindenstraße in Verl noch heute einen Bauernhof betreibt.

Nähere Nachforschungen, unter anderem im erzbischöflichen Archiv zu Paderborn, brachten Gewissheit, daß die erste Vermutung richtig gewesen war. Also erkundigte sich Wrasmann bei der Familie Meermeier, ob er mit seinen Gästen dem Hof einen Besuch abstatten könne, und wurde herzlich eingeladen.

Die amerikanischen Gäste aus Delphos, Louis und Martha Kaverman sowie Larry und Veronica Luersman, waren beeindruckt, den Hof zu besuchen, auf dem der Gründer ihrer Stadt geboren und aufgewachsen war, bevor er Priester wurde und schließlich am Osnabrücker Dom die Stellung eines Domkapitulars bekleidete.

Angesichts des Elends im gesamten westfälischen Raum Mitte des vorigen Jahrhunderts, das viele Menschen aufgrund von verheerenden Missernten bis in den Hungertod trieb, hatte der Geistliche eine Vision: Er wollte es den Menschen ermöglichen, in der Neuen Welt einen neuen Anfang zu machen. Daher kaufte er aus seinem Privatvermögen ein großes Stück Land im damals noch wilden und sumpfigen Ohio. Er hatte jedoch schon sehr früh erkannt, daß die Zukunft des amerikanischen Kontinents bei den riesigen Entfernungen vor allem von der Sicherheit der Verkehrsverbindungen abhängen würde. Daher wählte er ein Stück Land aus, das verkehrsgünstig im Schnittpunkt der entscheidenden Nord-Süd-Verbindung, dem Miami-Erie-Kanal, und der großen Ost-West-Straßenverbindung, dem „Lincoln-Highway“, der damals noch ein unwegsamer Feldweg war, lag.

Da der Bischof von Osnabrück ihn nicht ziehen lassen wollte, entsandte er zunächst seinen Bruder Ferdinand mit einer ersten Gruppe von Siedlern aus dem Raum Verl und aus dem Osnabrücker Land in die Neue Welt. Er selbst kam erst einige Jahre später mit einer zweiten Siedlergruppe nach. Die beiden Brüder überließen den Siedlern das Land zunächst völlig ohne Bezahlung und ermöglichten ihnen so einen fairen Start, der bei den landschaftlichen Bedingungen ohnehin schwer genug war, denn es galt zuerst einmal, das Land zu roden und zu entwässern, bevor die Westfalen mit der Landwirtschaft beginnen konnten.

Die Bredeicks selbst betrieben eine Werft für Kanalschiffe und eine Handelslinie auf dem Miami-Erie-Kanal, wodurch nicht nur ihr persönlicher wirtschaftlicher Erfolg begann, sondern auch das Gedeihen einer blühenden Gemeinde ermöglicht wurde, denn die Siedler mussten ihre Schulden erst viel später, so wie sie es konnten, freiwillig und ohne Zinsen zurückzahlen. Diese soziale Haltung und ökonomische Weitsicht zahlte sich im wahrsten Sinne des Wortes aus, denn der Ort wuchs schnell, und bald wurde eine zweite Gemeinde, Ottoville, in der Nähe gegründet.

Noch heute zählen die Pfarrkirchen von Delphos und Ottoville, beide im letzten Jahrhundert von allen Bürgern gemeinsam gebaut, zu den schönsten in ganz Ohio. Das Grundkapital zum Bau dieser großen Kirchen stammte übrigens aus dem testamentarischen Nachlass von Pastor Bredeick, der – wie sich später zeigen sollte – auch seinen Schwestern in Bornholte Geld hinterließ.

Von alledem hatte die Familie Meermeier, genannt Bredeick, in Verl keine Ahnung, bis zu jenem schönen Sommertag im Jahre 1993, als sie Besuch aus Amerika bekam. Spätere Nachforschungen auf dem Dachboden förderten einen Brief aus dem Jahre 1864 zutage, in dem nachzulesen war, dass Pastor Bredeick seiner Schwester, die auf dem Hof geblieben war, die erkleckliche Summe von 500 Dollar, damals ein kleines Vermögen, hinterlassen hatte. Er war der Meinung, dass sie dieses Geld als Witwe mit vier überlebenden Kindern gut gebrauchen könne. Seiner anderen Schwester, die zwar verheiratet, jedoch kinderlos geblieben war, vermachte er nur 20 Dollar. Ein Mann mit gesundem Menschenverstand und großer Menschenkenntnis!
Durch alle diese Neuigkeiten angeregt, plante der Schwiegersohn der Familie, Frithjof Meißner, verheiratet mit Christine geborene Meermeier, im Jahre 1995 eine erste Gruppenreise in die Stadt Delphos, an der damals 36 Personen teilnahmen. Die Kontaktaufnahme war sehr herzlich, und schon damals sprach der Bürgermeister John Sheeter davon, dass aufgrund der historischen Wurzeln beider Gemeinden, die in der Person des Pastors Bredeick eine enge Verknüpfung hätten, eine Städtepartnerschaft eine gute und für beide Seiten vorteilhafte Sache wäre.

Von der Richtigkeit dieser Anregung überzeugt, investierte Meißner in den nächsten Jahren, immer unterstützt von seiner Familie, einen Großteil seiner Freizeit, dem Partnerschaftsgedanken in Verl ein Forum zu verschaffen. Es kamen weitere Besuche aus Delphos, die in den privaten Familien und im Heimathaus herzlich aufgenommen wurden. Eine Schülerin aus Delphos, JoAnn Wannemacher, die für ein halbes Jahr hier in Deutschland zur Schule ging, überreichte der Gemeinde Verl die Fahne von Delphos. Durch die Verbreitung der neuen Medien, Internet und E-Mail, wurde der Gedankenaustausch über den „Großen Teich“ hinweg einfacher, schneller und vor allem billiger. Deutsche Schüler reisten für die Sommerferien oder gar für einen halbes Jahr nach Delphos und erweiterten so ihre Englischkenntnisse und  nicht zuletzt auch ihren Horizont.

Schließlich trat der Bürgermeister von Delphos, John Sheeter, aufgrund eines Ratsbeschlusses seiner Stadt an die Gemeinde Verl heran und suchte offiziell um eine Städtepartnerschaft zwischen Verl und Delphos nach, die dann nach einigen Debatten in den Ausschüssen und Ratssitzungen auch von deutscher Seite für gut befunden und beschlossen wurde. Gleich nach diesem Ratsbeschluß beauftragte die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein Verl, den Initiator der ersten Reise von 1995 damit, eine weitere Reise in der Karwoche 1999 zu organisieren, deren Hauptzweck die Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages sein sollte.

Diese Reise fand in der Woche vor Ostern mit 26 Teilnehmern statt, und der Partnerschaftsvertrag wurde unterzeichnet. Wir berichteten ausführlich davon. Nach ihrer Rückkehr aus den USA waren sich alle einig, dass dies nur der Anfang einer dauerhaften und festen Freundschaft war. Für Hermann Wrasmann war es Ehrensache, bei dieser Fahrt mit dabei zu sein, hatte doch sein Telefongespräch eine große Sache ins Rollen gebracht.


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