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Gang durch ein Bauernhaus
Aufsatz über ein frei gewähltes Thema, als Aufgabe während der Sommerferien 1949,
von Hans Damjakob, damals 15 Jahre alt

Biegst du in den Feldweg ein, der von der Landstraße zu unserem Hause führt, so senden dir das leuchtend rote Dach und die roten Ziegelsteinmauern durch das Laubwerk der Sträucher und Bäume einen fröhlichen Gruß entgegen. Von hier kannst du so recht die charakteristischen Züge dieser westfälischen Landschaft beobachten.

Um den Hof herum liegen die grünen und braunen Felder. Auf den nicht immer saftigen Weiden grasen die schwarz-weißen Kühe. Oft sind die Wiesen besonders an der Sonnenseite von knorrigen Weiden eingefaßt, die dem Vieh an heißen Tagen kühlenden Schatten spenden. Ein Feldweg, begleitet von den hellen Stämmen der Birken, windet sich von Hof zu Hof. Die Grenzen eines Anwesens sind meistens durch einen "Hagen" gekennzeichnet. So ein Hagen besteht aus Erlen und Eichen, zu deren Füßen sich ein undurchdringliches Gestrüpp von Brombeerranken windet. Dort hinten sehen wir einen Kiefernwald in seinem dunkelgrünen Kleid, und am Horizont entlang zieht sich mit zarten Wellenlinien ein dunkles Band: der Teutoburger Wald. Im Kernpunkt dieser Landschaft steht der westfälische Bauernhof, der sich hinter den schützenden, mächtigen Eichen, die ihn umgeben, versteckt hält.

Unser Haus könnte man in drei Gebäude gliedern. Da ist als Mittelpunkt das alte Haus. An der Westseite liegt der Neubau, das Wohnhaus. An der Ostseite ist ein Flügel angebaut, der sogenannte "Mistschoppen". Die Vorderwand des alten Hauses, in der sich das "Deelentor" befindet, hat man ebenfalls erneuert. Das Einfahrtstor ist nach Süden gerichtet.

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Gehst du den Weg entlang, so gelangst du durch die blaue Lattenpforte auf den Hof. Vor dir steht dann das Haus. Zur rechten Hand recken sich die mächtigen Eichen, die das Haus weit überragen, in das tiefe Blau des Himmels. An der linken Seite liegt der Garten mit den alten, morschen Obstbäumen. Die Vorderfront des Hauses hat keineswegs das Aussehen eines alten Bauernhauses. Da ist an der linken Seite das etwas plumpe Wohnhaus, das im Jahre 1928 erbaut worden ist. Ich könnte mir dieses Haus nie zwischen anderen grauen Mauern eingeklemmt vorstellen. Es gehört eben mitten in die Natur. Das große, knallrote Dach und die rote, rohe Ziegelsteinwand mit den weißen Fensterrahmen darin, lassen es sehr freundlich erscheinen. An der linken Seite, wo die beiden Wohnzimmer liegen, ist die Wand nach außen hin etwas gebogen, so daß dieser Teil des Gebäudes wie ein Erker wirkt. Neben dem Wohnzimmer ist das gewölbte Eingangsportal, das dem Hause ein bäuerliches Aussehen verleiht und dem Einfahrtstor angepaßt ist. Eine kleine Grünanlage mit einer jungen Birke, einigen Lebensbäumen und immergrünem Strauchwerk schmückt die Vorderfront des Wohnhauses. Der rechte, etwas niedrigere Flügel verbindet sich mit der Vorderwand des alten Hauses und der des Mistschoppens.

Gleich neben dem Neubau das große Deelentor ist das Symbol des westfälischen Bauernhauses. Durch dieses Tor, das bis unter das Dach reicht, schwanken alljährlich zur Erntezeit die Leiterwagen mit ihrer goldenen Last. Die beiden Fensterchen, die sich in den oberen Flügeln des Tores befinden, wirken wie zwei Augen. Neben dem Deelentor ist die Kuhstalltür und am Ende des Flügels das Mistschoppentor.

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Hinter dir, ungefähr zehn Meter vor dem Deelentor, steht die Scheune. Zu jedem Hof gehört wenigstens eine Scheune oder ein Schoppen, in dem man das Holz, die Maschinen und Wagen unterstellt. Unsere Scheune sieht fast wie ein altes Bauernhaus aus. Es ist ein Fachwerkgebäude. Die stämmigen Eichenbalken haben sich in den langen Jahren gezogen und Risse bekommen. Der Giebel ist aus Brettern gezimmert. Vorne befindet sich ebenfalls ein großes Tor. Über dem Scheunentor liegt ein schwerer Querbalken, in dem folgendes eingeschnitzt ist:

"GOTT SEGNE DIESES HAUS,
ALLES WAS GEHT EIN UND AUS.
ERRIGTET DEN 16 JULI 1881
HERMANN SOBBE UND KATHARINA GRETENKORD"

Rechts neben dem Scheunentor ist die Tür des Schafstalles. Gehen wir durch das große Tor, so stehen wir in der Scheune. Rechts, gleich hinter dem Tor befindet sich der Trog des Stalles. Hinter dem Stall liegt die Werkstatt des Bauern. An den Wänden hängen alle Arten von Werkzeugen. Vor der Reihe kleiner Fenster steht eine Hobelbank. Ferner ist noch ein Schraubstock vorhanden und allerlei Geräte, um "Holschen" zu machen. In der Ecke steht ein Ofen, der im Winter behagliche Wärme spendet. Hier sitzt der Bauer in der kalten Jahreszeit, wenn es draußen friert und schneit und der Sturm durch die Eichen braust, und macht sich seine Holschen. Hier setzt er seine Geräte, die er im nächsten Jahre wieder gebrauchen muß, instand. In der Scheune steht die Kutsche, davor der große, grüne Kastenwagen. Über dem Stall und der Werkstatt befindet sich die "Bühne", auf der allerlei Geräte stehen, und über Scheune und Bühne der "Balken", auf dem das gedroschene Stroh gelagert ist. Links neben der Scheune ist eine Abdachung, unter der ebenfalls Wagen stehen.

Trittst du durch das knarrende Deelentor des eigentlichen Hauses, so stehst du auf der großen, geräumigen "Deele". Zur rechten Hand sind die Holztröge des Kuhstalles. Die Tröge sind immer zur Deele gerichtet, so daß man das Vieh von der Tenne aus füttern kann. An der linken Seite befindet sich die Tür, die zum Wohnhaus führt. Die rechte Wand und die Wand vor dir gehören noch zum alten Haus. Man hat die Balken und Fächer jetzt weiß angestrichen. Vor dir liegt die alte Küche, links daneben der Pferdestall. Über dem Pferdestall ist eine Kammer, in der jetzt allerlei Gerümpel steht. Über dem Kuhstall befindet sich eine Tür, die zur Bühne führt. An diese Tür ist eine Leiter gelehnt, damit man hinaufklettern kann. Auf der Bühne liegt das Häcksel für die Kühe und Pferde. Von hier aus gelangt man auf den Balken, auf dem das Getreide und das Heu gespeichert ist. Über dem alten Haus ist der Balken für das Getreide, über dem Mistschoppen der Heubalken. Der Boden des Wohnhauses wird als Kornspeicher benutzt. Es gibt kein besseres Vergnügen, als auf so einem "Balken" vestecken zu spielen, oder wenn man sich von den Querbalken herunterfallen lassen kann, ohne sich weh zu tun. Wenn das Stroh alle und der Balken leer ist, dann sind die Eichenbretter so glatt wie eine Eisbahn. Genau über der Tenne befindet sich eine Luke, die mit einer Fallklappe verschlossen ist. Unter diese Luke fährt der Erntewagen, und die Garben werden durch dieses Loch auf den Balken gereicht. Die Dreschmaschine fährt ebenfalls darunter, so daß die Garben nur heruntergereicht werden müssen, um gedroschen zu werden.

Gehen wir auf die Deele zurück in den Kuhstall. Dort, wo die Kühe stehen, liegt sauberes Stroh. Hinter den Kühen befindet sich eine Rinne, durch die die Jauche in die Jauchegrube fließt. Der Deckel zur Jauchegrube befindet sich draußen neben der Kuhstalltür. Hinter der Rinne ist ein Laufsteg. In der Wand hinter den Kühen sind die Klappen, die zum Mistschoppen führen. Durch diese Klappen wirft man den Mist der Kühe und schon ist er an Ort und Stelle. Vor den Kühen sind Selbsttränker angebracht. Die Kühe heben mit ihrer Schnautze den Deckel hoch, und indem sie auf eine Platte auf dem Boden des Kummes drücken, läuft dieser voll Wasser.

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Gehst du zur Deele zurück in die "alte Küche", so stehst du in einem Raum, der zum alten Hause gehört. Die alte Küche ist genau so hoch wie die Deele. Die schweren Eichenbalken an der Decke sind vom Rauch geschwärzt. In der rechten Wand ist die Tür zum Schweinestall. Über dem Schweinestall befindet sich eine Kammer. Du siehst also: alle Ställe sind halb so hoch wie die Deele und die alte Küche. Deshalb befinden sich über den Ställen die Kammern und Bühnen. Vor dir befindet sich die Tür nach draußen. Über und links neben ihr erhellen zwei kleine Fenster den Raum. Rechts neben der Tür befindet sich der Wasserkran, an dessen Stelle früher die Pumpe stand, links neben der Tür steht der Herd. Dessen linke Hälfte kann als Kochstelle benutzt werden. An der rechten Seite ist der "Schweinepott". Der Schweinepott besteht aus dem Mantel, in dem man den großen Pott hängt. Über dem Herd befindet sich ein großer Kasten, in dem die Würste und der Speck zum Räuchern aufgehängt werden. Dieser Kasten ist nicht der Kamin, wie es bei den alten Bauernhäusern der Fall ist, sondern der Rauch zieht gewöhnlich durch einen Schornstein ab, kann aber durch den Kasten geleitet werden. An der linken Wand steht ein Tisch, an der rechten eine lange Bank, auf die man die Melkeimer und Milchkannen stellt. Rechts neben der Tür, durch die du gekommen bist, steht ein alter Schrank. Der Boden der Küche besteht aus Brettern. Wenn draußen die Welt mit einem kalten, weißen Teppich zugedeckt ist und hier drinnen die Kartoffeln im Schweinepott kochen, so daß der Holzdeckel, der darauf liegt, zu rappeln, und die Fensterscheiben zu schwitzen anfangen, dann gibt es keinen gemütlicheren Ort, als hier in der alten Küche.

Der niedrige Schweinestall, der sich rechts neben der alten Küche befindet, wird von einigen kleinen Fenstern nur spärlich erhellt. In diesem Stall befindet sich der Stolz des westfälischen Bauern in Gestalt von großen, schweren, grunzenden Fettkonserven. Durch den Stall zieht sich der "Schweinegang", an dessen einem Ende sich die Tür zur alten Küche befindet, und an dessen anderem Ende eine Tür nach draußen führt. An beiden Seiten des Ganges liegen zwei Ställe, durch alte Holzwände voneinander getrennt. Die an der rechten Seite gelegenen Ställe stehen ebenfalls mit dem Mistschoppen in Verbindung. Die Steintröge liegen dicht auf der Erde. Die Holzwand führt mitten darüber hinweg. Man kann also vom Gang aus das Futter in die Tröge schütten, während sich an der anderen Seite die Schweine gegenseitig vom Trog drängen und schmatzen und schlürfen, wobei die rosa Schnauzen unter der Holzwand hervorlugen.

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Gehst du in die alte Küche zurück, durch die Tür die nach draußen führt, so stehst du auf dem Hinterhof. Der Hof wird hier an der Nordseite von einem schmalen Bach begrenzt, dessen Bett aus sauberem, gelben Sand besteht. Alte Birnbäume und junge Apfelbäume begleiten ihn. Drehst du dich um, so steht vor dir ein Teil des wirklichen alten Hauses. Die Fächer, die von den grauen, rissigen Balken eingefaßt sind, sind mit Ziegelsteinen ausgefüllt. Der Giebel, der bei den Bauernhäusern ziemlich hoch ist, besteht aus alten, morschen Brettern. Die mit blauen Rahmen eingefaßten Fenster sind wahllos in die Mauer hineingebaut. Man kann überhaupt schwer eine Gesetzmäßigkeit oder Regelmäßigkeit hier beobachten. Ungefähr in der Mitte befindet sich die Tür der alten Küche. An der rechten Seite ist die Tür des Pferdestalles, an der linken Seite die Tür mit dem Herzchen. Rechts neben dem Haus liegt der Neubau, links daneben der Mistschoppen mit dem großen Tor. Ein Mistschoppen hat an beiden Seiten Tore, damit man an der einen Seite herein-, und an der anderen hinausfahren kann. Im Mistschoppen ist der Hühnerstall. Links, unter den Eichen steht der alte, mit Holzbrettern verkleidete Holzstall.

Dies ist das Haus. Wenn es auch kein echtes, altes Bauernhaus mehr ist, so kann man doch im ganzen noch die Züge eines echten, alten, westfälischen Bauernhauses erkennen.

 

 

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